Mittwoch, 2. September 2009

Turn your face to the sun...

... and the shadows fall behind you.
















-------

Eine Cadbury Dairy Milk „Macadamia“-Schokoladentafel mampfend schreibe ich also meinen nächsten Bericht, die Sonne im Gesicht und auf den Schenkeln, denn ja, hier ist erstklassiger Frühling und ich habe mir zur Feier meines Feierabends um vier des Nachmittags eine kurze Hose angezogen und sitze auf der Terrasse.
„Inkey“ the cat liegt hier auch rum, sie genießt die Wärme, mauzt hin und wieder vor sich hin, die Barthaare zucken vom Fliegen- oder Mäusetraum und sie sieht in etwa so zufrieden aus wie ich.

Mach ick ma Kaffe, wa?

Ich habe soeben fasziniert zwei Spinnen bei der Vorbereitung zum Paarungstanz beobachtet, aber eigentlich nur die eine (Spinne X – ich nehme an, das Männchen), denn die andere (Spinne Y) ist immer nur weggelaufen und war sichtlich irritiert von den Gebärden des Artgenossen X, der doch versuchte, sie durch Strecken des 3. und des 8. Beins (recht unsymmetrisch, wie ich fand) zu beeindrucken und sich dann gaaaanz langsam in ihre Richtung bewegte, obwohl er vorher ja noch gerannt ist wie am Spieß. X dachte wohl, Y merkt nicht, dass er näher kommt, aber Y war das zu blöd und sie nahm Reißaus. Die Gelegenheit nutzte X natürlich unverblümt und rannte wild hinterher, bis Y stehen blieb (er wollte ja nicht, dass sie merkt, dass er hinterher rennt) und feststellen musste, dass das ganze Gerenne den Abstand nun irgendwie auch nicht verringert hat.


Das Ganze ist so vier Mal passiert, dann hatte Y es aber satt, sie ist ja nicht blöd, und hat die Wand gewechselt, davon war X scheinbar überfordert, denn er machte sich zum Rückzug bereit und sie war dann auch schon über alle Berge.


Seufz. Unrequited sucks, eh?


Ich grinse jetzt selbstverständlich vor mich hin und widme mich dem eigentlichen Bericht.



Wandern mit Ruth & Ro war schön. Mit Schnee, aber warm.























Wir sind quasi inmitten des Oxford Forest, etwa eine Stunde westlich von Chch, auf dem Gipfel von Mount Richardson den Blick auf die Southern Alps genießend.




















Ich habe mich außerdem natürlich wieder in Christchurch für Euch umgesehen und habe unter anderem folgendes entdeckt:
  • Mac’s Bier ist am leckersten und macht die beste Werbung mit der schönsten Schrift
  • manche der Mondkrater haben kleine Nippel in der Mitte (wir waren im Planetarium, haben die Mondoberfläche ganz nah und Jupiters 4 Monde und die Jewel Box neben dem Kreuz des Südens gesehen, jippiiiiiie!)
Außerdem kleiner Nachtrag zum Juni:
Ein Erdbeben erschütterte den Süden der Südinsel, als ich noch im Süden der Südinsel wohnte. 7,8 auf der Richter-Skala, ein Rekordbeben in NZ. Wir waren in Elsas Küche, da war nichts zu spüren, aber Petra im Zimmer nebenan sah ihre Möbel wackeln. Mist, dass ich das verpasst hab irgendwie. Aber ich klopfe mal aufs Holz, ich werd mich ja nicht um Tod durch Erschlagen prügeln wollen, wo ich doch in einem Land bin, das auf dem Ring of Fire sitzt. Elsas Küche ist jedenfalls scheinbar sicher. Lach.
PS:
Vor einigen Monaten habe ich hier ein Bild reingestellt, das mal wieder beweist, wie klein die Welt ist. Ohne es zu wissen, hab ich im Mai ein Foto von meiner damals zukünftigen, mittlerweile jetzigen Mitbewohnerin gemacht. Erinnert sich jemand an die 5 rosa Schweinchen, die den Marathon gelaufen sind? Das waren Ro, ihre Partnerin und ihre Kinder. Marta würde auf Spanisch sagen: Die Welt ist ein Taschentuch.


-------




Te tiro atu to kanohi ki taira whiti ana tera whiti te ra kite ataata ke hinga ki muri kia koe.

Te Reo Maori, die Sprache der Maori. So ein wunderschöner Klang, und voll von so viel Wahrheit, Wertschätzung und Wissen, und vielen anderen Dingen, die ich aber erst im nächsten Satz nennen kann, sonst ist die Alliteration futsch. Liebe zur Natur und zu Menschen zum Beispiel.

Ich bin dem Maori-Kurs gleich in der ersten Woche hier beigetreten. Marta hatte schon 3 Sitzungen hinter sich, glaube ich. Und die Atmosphäre, die in diesem Kurs herrscht, ist fast schwer in Worte zu fassen, wenn man das Wort „esoterisch“ nicht benutzen möchte. So viel Unterstützung von allen Seiten, so viel Freude über jeden Fortschritt, so viel Herausforderung durch Maaka, den Lehrer.

Wir sind 10 Schüler, die alle Lehrer an der Rangi Ruru Girls School sind. Wir können uns nicht auf Maori unterhalten, nicht nach 2 Monaten Unterricht, aber wir verstehen, teilen, arbeiten zusammen und lachen viel. Jetzt haben wir noch 2 Sitzungen, und irgendwie wird danach wohl etwas fehlen Dienstagabend…


Marta und ich haben uns natürlich – fleißige Schülerchen, die wir sind – vorgenommen, auf unserer dreitägigen Wanderung mit Zeus und deren Freund Carles entlang des Abel Tasman Coast Track (=“Küstenwanderweg“) unsere Vokabeln zu lernen, aber die Listen wurden, was mich betrifft jedenfalls, vergeblich in den Rucksack gestopft, denn man hat doch nicht wirklich Zeit für so was, wenn man hier lang läuft:



Mit Fortuna auf unserer Seite hatten wir natürlich super Wetter, und das Anfang August, der ja quasi ein europäischer Februar ist!



Tag 1 verbrachten wir halbwegs damit, erstmal von Christchurch zum Startpunkt zu fahren. Wir hatten am Tag 0,5 schon mal damit angefangen, aber es wurde dann Nacht und wir müde. Jene Nacht, am Straßenrand auf einer kleinen Wiese im Schatten von Bäumen, war kurz. Marta und Zeus im Auto, Carles und ich in einem Minizelt, dessen Größe (oder „Kleine“?) es aber auch nicht wärmer gemacht hat (mann, war das kalt), und ein kleiner Bach quasi direkt neben uns plätschernd die ganze Nacht, ein Requiem für meine Blase, das mit dem Bier war ne blöde Idee, und ich hätte ja doch noch mal gehen sollen, aber es war so kalt…


Wir kommen also irgendwann gegen Mittag am Startpunkt an, essen (das ist bei jeder Wandertour meine Lieblingsaktivität) und schnüre des Ränzle und los geht’s.















Das Schöne an einem Küstenwanderweg ist, dass man, abgesehen von schwerem Rucksack, permanentem Verlangen nach Essen (also ich jedenfalls) und sandflies (kleine Mückenbiester, die eigentlich viel zu klein sein müssten, um solche Flatschen am Bein zu hinterlassen) die Tatsache einrechnen muss, dass manche Teile des Wegs nur bei Ebbe zu überqueren sind, man ja aber rechtzeitig zur Hütte gelangen muss, um zu schlafen. Man hat also keine Zeit, auf die Ebbe zu warten, falls man mal spät dran ist. Wenn sie weg ist, ist sie weg. Flut tut nicht gut.

Hm!


Mist, der Weg bis zur ersten Übernachtungshütte ist lang. Lasst uns mal rechnen. Die Sonne geht gegen 5 unter. Die Hütte ist am Ufer eines Flussbetts, das von Gezeiten beeinflusst wird. Der Tiefpunkt der Ebbe ist gegen 16 Uhr, danach steigt das Wasser. Laut Plan brauchen wir 5 Stunden, um dahin zu kommen.


*räusper* … Here we go.




Hach, wir haben ja Zeit, so viel schönes Wasser, und so klar, und ach, die schönen Bäume, und die Vögel zwitschern, und juchhu, noch 2 Stunden bis zur Hütte, und wow, das Wasser ist ja so türkis, oh, und da sind Wekas, die werden oft mit Kiwis verwechselt:


Und am Strand gibt es Sandwürste...


Lalalalalaaaa…


Na, das schaffen wir schon, kein Ding. Ha!

Aaaaaaah, da drüben irgendwo steht die Hütte, auf der anderen Seite des Flussbetts, Überquerung dauert laut Plan 30 Minuten, ist ja wirklich sehr breit.
Es wird dunkel. Die Sonne ist schon ne Weile weg, aber zum Glück hat sie noch etwas Licht hier gelassen, bevor sie nach Europa abgezischt ist, wir sehen ein ganz schwaches Licht am anderen Ufer im Wald, hoffentlich geht das nicht aus, sonst finden wir die Hütte nicht.

„Wann kommt die Flut?“ Wie war das noch mit der Ebbe? Na, das sieht ja aus wie ein See… Nee, geht ja gar nicht, ist doch nur ein kleiner Fluss…oh…ja, doch, ein Fluss. Ein breiter…Okay, Schuhe aus, Socken aus, rein ins Vergnügen.


Ich schreie wie mein Bruder im Wald, scheiße, ist das kalt, und bis zum Knie, ich will raus, nöööö, wieso sind hier Muscheln??? Tausende kleine, scharfkantige Biester und kein Ende, dann lieber sandflies, bin doch so schwer mit Rucksack!! Zerschunden und zerkratzt schleppen wir uns mit letzter Kraft zur Hütte, die letzten 200 Meter auf feuchtem Sand mit Schuhen (Wohltat), jemand hat das Licht ausgemacht, och nöööö, wo ist die Hütte??

Nun ja, ganz so dramatisch war das alles nicht, aber als uns dann ein Amerikaner erzählt, dass er am nächsten Tag den gleichen Weg wie wir nimmt und um 5 aufsteht, damit er rechtzeitig bei der nächsten Überquerung in Onetahuti (Tonga Bay) ankommt (ja, es gibt viele Überquerungen), bevor die Flut kommt, macht er uns ein bisschen stutzig, vor allem, weil er von einem Kumpanen erzählt, der einmal eine Überquerung mit Rucksack über dem Kopf und Wasser bis zur Brust machen musste. Wir sprechen hier von einem rumpfgroßen Rucksack, etwa 13 Kilo.


Darauf hab ich ja nun gar keine Lust, schon gar nicht im Winter. Wir beschließen trotzdem, dass um 6 aufstehen auch reicht und verschlafen natürlich am nächsten Morgen.

Anderthalb Stunden nach geplantem Abmarsch stiefeln wir also los und ich, verängstigt von der Vorstellung, bis zum Hals in wirklich kaltem Wasser zu stehen
– meinen mit viel zu viel Essen und ignorierten Vokabeln voll gestopften Rucksack mit meinen schwachen Ärmchen tragend – renne quasi um mein Leben.

Ich zwinge mich, die Gedanken an Leonardo DiCaprio zu verdrängen, der erfroren in den eisigen Tiefen des Nordatlantiks versinkt, nachdem er von Kate Winslet (mmh…) verabschiedet wird, die den Untergang der Titanic glücklicherweise überlebt hat (– zum Glück! Wo wären wir heute ohne Kate Winslet?).


Marta meint, sie hat mich noch nie so rennen gesehen. Naja, man tut, was man kann, um dem Tod durch Erfrieren zu entgehen, ne?


Dann gelangen wir zum Überquerungsareal. Ich muss lachen, als ich den unüberwindbaren, reißenden Strom vor mir sehe …


… und springe fröhlich von Steinchen zu Steinchen und bin in 3 Sekunden auf der anderen Seite.

Da wir ja nun durch mein Gerenne unserem Plan quasi voraus sind, haben wir viel Zeit, die Bucht zu erkunden. Es ist Vormittag und die Sonne hat noch nicht alles hier berührt, zu hoch ist der Berg hinter der Bucht, und wir laufen über gefrorenen Sand.


Ja, der Unterschied zwischen Tag- und Nachttemperaturen ist ziemlich beeindruckend. So auch der Temperaturunterschied zwischen Schatten und Nichtschatten, die sogar helligkeitsmäßig verschieden sind.



Wie durch ein Wunder erspähe ich ein paar Süßigkeiten in meinem Rucksack und reduziere sie mit Marta und Carles, während wir Zeus dabei zusehen, wie er mit Robben spricht und sie dokumentiert.



Wir kommen am frühen Nachmittag in der nächsten Hütte an und lungern am Strand herum, was soll man sonst machen bis zum Abendessen. Klatschen üben.


Marta und Carles studieren das Ceng Ceng-Pattern und ich schaffe es nicht ganz, die anderen am Strand Herumlungernden zum Beitritt ins Ensemble zu bewegen.



















Am dritten, letzten Tag rennt Zeus dann mal schnell 35 km durch den Wald zum Auto, denn der Wanderweg ist kein Kreis und wir müssen ja irgendwie nach Christchurch zurückkommen und er rennt so gern.



Wir laufen in der Zeit (4h) gemütlich nach Marahau, zum Endpunkt des Tracks. Vorher noch schnell in eine Höhle gekrochen und Wetas betrachtet, Riesenviecher, grillenartig.



Ich erstehe eine von J. Sun, dem Okarinaverkäufer, handgemachte Okarina für 70 Dollar, deren Timbre und Höhen ich dann in den verbleibenden Stunden des Tages – eigentlich zur Unterhaltung, aber vielleicht eher zum Leid meiner Freunde – entdecke.


Dann kommt Zeus auch schon angefahren und wir fahren nach Motueka, wo wir dann die Nacht verbringen. Wir schlafen in einem Motor Park, die Dusche ist göttlich und soll nie enden.

Auf unserem Rückweg nach Christchurch am Tag # 4 testen wir dann noch das Bier in der Sonnenstadt Nelson.



Nein, kein Gerüst. Die Kathedrale von Nelson.


Und noch eine kleine Wanderung, bei der wir dieses Schild entdecken – deutlicher geht es nicht:



Zeus und Carles fahren dann weiter zur Nordinsel, nachdem sie uns am Flughafen absetzen. Ja, wir FLIEGEN zurück. Dauert nicht mal ein Stündchen, also 5 Stunden schneller als mit dem Auto.


Carles sitzt jetzt, da ich das schreibe, im Flugzeug auf dem Weg zurück nach Katalonien.
Hasta luego, Carles.


Samstag, 15. August 2009

Did you know it's their poo?

Da der Anteil der von mir konsequent ignorierten E-Mails von Ebay, Amazon und GMX (die sind am schlimmsten) mittlerweile den von echten Menschen zu übersteigen scheint, dachte ich mir, ich rufe mich mal wieder in Erinnerung.

Außerdem bin ich heut morgen überraschenderweise leicht heulend aufgewacht, weil ich im Traum einer alten Schulfreundin (ich stehe in meinen Träumen immer kommunikativ auf dem Schlauch, geht das noch jemandem so??) nicht erklären konnte, warum ich ihr nicht alle Details aus meinem Leben erzähle („Conny, du bist ein Rätsel.“). Wir waren beide in der Tat sehr wütend auf mich (deshalb wohl auch das Geheule) und es sah fast so aus, als würde sich die seit Ende der Schulzeit auf sehr sporadischen, aber trotzdem wirklich positiv-sentimentalen Kontakt beschränkte Freundschaft in Luft auflösen. Die einfachste Antwort – fiel mir dann ein, während meine wachen Tränen sich in das Kissen zwangen – wäre gewesen, dass wir doch nun schon 9 Jahre aus der Schule sind und uns ja nur noch so einmal pro Jahr sehen, wie soll man denn in einem Kreis von 5 jungen Frauen innerhalb von 3-4 Stunden die Lücken eines Jahres und gänzlich veränderten Lebens (seit der Schulzeit) füllen? Besonders, wenn man die Gabe des Sich-Kurzfassens nicht besitzt?

Nun denn, es ist also mal wieder Zeit für ein Update, ich verstehe den Wink, wenn es denn einer ist, Dr. Freud. Außerdem kann mein fünfwöchiges Blog-Schweigen ja nur bedeuten, dass es mir inzwischen viel zu gut geht und ich so mit Leben beschäftigt bin, dass mir das Internet wegen des Ablenkungs- und labyrinthhaften Wissenskonglomeratspotentials auf den Zeiger geht – schlag ein Wort nach und finde auf großen Umwegen über mehrere Webseiten heraus, dass es noch 58 andere gibt, deren Bedeutung du schon immer mal kennen wolltest, und ach, das ist ja interessant, was heißt das denn auf Deutsch und wie funktioniert dies denn eigentlich?


(Ach! [Goethescher Seufzer] Wenn mein Hirn es nur behalten könnte!)



Als mein Bus, mit dem ich vom alten Otago in mein neues Canterbury umziehe, die stinkende Innenstadt Dunedins pestilenzialische Abgase pupsend hinter sich lässt, gibt der durchaus versierte Busfahrer den Hinweis, dass wir gleich die Kurve erreichen, vor der wir Dunedin das letzte Mal betrachten können.


--Melancholie oder was???

Ich lehne mich also lächelnd zurück, drehe die Lautstärke des kleinen Sony in meiner Hand hoch, genieße damit Highway 61 Revisited noch mehr („Cuz somethin’ is happenin’ here and you don’t know what it is…do you, Mr. Jones?”), mache es mir noch bequemer und lasse zufrieden, weil voller Vorfreude und Abenteuerlust, die Stadt hinter mir, die bereits einsetzende Sehnsucht nach 16 Smith Street (Elsas Haus) vehement verdrängend.



Es ist der 18. Juli und ich habe nun also den ersten Streich geschafft, 2 Quartale meines Vertrags in Dunedin „abgearbeitet“, auch, wenn es sich gar nicht so angefühlt hat. Die Schülerchen haben sich ungeheuerliche Mühe gegeben, mir größtmögliche Plakate mit Abschiedsmitteilungen und Zukunftswünschen zu überreichen und ich werde sie vermissen und sie mich, die ersten 2 Tage, dann geht das auch vorbei. Aber ich muss schon sagen, ich habe viel von ihnen gelernt und sehe jetzt schon so viel in diesen kleinen Erwachsenen und hoffe inständig, man sieht sich mal wieder.



Mein Abenteuer geht jetzt aber erstmal weiter nördlich weiter.


Stopp! Wir spulen eine Woche zurück.

Ann und ich treffen uns auf ein Bier im Craic (ein wunderbar irischer Pub mit Kaminfeuer, Live-Musik und mittlerweile vielen Erinnerungen), es wird wohl das letzte für uns, bevor ich abreise. Es ist Donnerstag, wir philosophieren weniger über Gott, mehr über die Welt und ihre Macken, stellen fest, dass Dunedin mit dem scheinbar immerwährenden Regen uns beide erdrückt und fragen uns, warum wir nicht spontan dahin fahren, wo die Sonne scheint.

Ich wanke nach Hause (still can’t hold my drink), überprüfe den Wetterbericht online (mittlerweile meine Morgengymnastik, übrigens, denn er ändert sich mindestens einmal am Tag) und stelle ernüchtert (haha) fest, dass eine fette Sonne über der West Coast schwebt.


Da war ich noch nicht, yay!



Das bedeutet einen ganzen Tag im Auto, nay!



Wurscht!


Freitag noch mal forecast gecheckt, man weiß ja nie, immer noch Sonne, also schnell Andrew angerufen, der geniale Autovermieter, der uns schon ein paar Mal ne Knutschkugel für ein Wochenende und gegen günstige 100 bucks gegeben hat, er hat noch eine weiße, supi, danke, hol ich gleich ab. Kurz noch mal an die andere Straßenseite gewöhnen (jaja, musst ja nich gleich hupen, ich hab’s ja kapiert), dann schnell vor Anns Haus geparkt, tuut tuut, wir wollen noch n bissl einkaufen, da kommt sie aus dem Haus gegenüber, da ist ihr Arbeitsplatz, wie praktisch.


Bananen, Äpfel – Royal Gala, Knusperschnubblzeug, dies und das, am Ende gehen wir raus aus dem New World mit 4 großen Tüten. Naja.


Früh um 6 steh ich wieder vorm Haus, das Auto ist warm, die Nacht ist kalt, wir haben 9 CDs (in der Pampa ist das Radio eintönig, weißes Rauschen, nicht so mein Fall), los geht’s.



Wir halten und staunen, in Central Otago löst sich langsam die Wolkendecke auf, what a sunrise…


Da stehen wir, irgendwo fernab übel riechender Zivilisation und hören sublime Stille. Dann ein Geräusch, ganz plötzlich, fast wie ein Hubschrauber, zwar laut, aber ganz sanft und gleichmäßig. Vielleicht 500 kleine Vögel fliegen synchron vom Feld in die Luft, wirbeln umeinander, verlieren an Höhe und sich wieder im Feld.


Central Otago hat keine Lieblingsjahreszeit. Ich war hier im Sommer, im Herbst, und jetzt wieder mal im Winter, und jedes Mal entdecke ich diese Gegend aufs Neue – oder sie gibt mir immer wieder andere Impulse.


Der tiefe Winter, der sich so nur am frühen Morgen zeigt – temperaturmäßig und auch bildlich – erinnert mich beinahe an die russischen Märchen, aber zum Glück ist es hier viel, viel wärmer.

Wir halten dann in St. Bathans, das sich „town“ nennt, da muss ich glatt grinsen, denn man sieht hier nicht nur keine Menschen, sondern auch kaum Gebäude, und die Karte illustriert das ganz gut, wie ich finde. Vielmehr noch so eigentlich durch die Anzahl der Straßen (1). Wirklich süß.



Na gut, es ist ja schließlich Wochenende, Winter und wahnsinnig früh am Morgen. Aber sie haben nen schönen Badesee. Und so eine schöne Sonne!



Sehr erwähnenswert auch Cromwell, hier ein kleiner Stopp für Kaffee und Reiten. Mit Wolken allerdings.
















Wie viele andere Städte in Central ist Cromwell einst auch eine Goldgräbersiedlung gewesen und jetzt ein großer Anziehungspunkt in Central für Touris. Das sieht man jetzt zwar nicht auf dem Bild, aber man darf es mir glauben.
















Auf unserem Weg an die Westküste (West Coast heißt die Region originellerweise) halten wir dann durchaus noch einige Male und genießen die nahezu unberührte Natur, so n bissl in den Wald gehen und so, immer schön links laufen.

















Und übrigens sind hier keine Wolken mehr. SIE HABEN IHR ZIEL ERREICHT quasi.


Natürlich müssen wir durch die Southern Alps, die Alpen Neuseelands, ich rede gerne, aber jetzt bin ich ruhig, mir verschlägt es die Sprache, hier muss das Paradies irgendwo sein. Oder so.



JETZT HABEN SIE IHR ZIEL WIRKLICH ERREICHT. Die West Coast:


Ich bin entzückt, das Wasser ist hier auch nass und kalt und blau, aber es ist die Tasmanische See und es ist die Westküste, hach, die Westküste, die Westküste!









Aber wir haben unser Ziel noch nicht erreicht. Wir wollen doch weiter, zu den Gletschern. Fahren also gen Norden an der Westküste – der Westküste! – entlang und gelangen dann kurz vor Sonnenuntergang gegen 5, nach etwa 600 langen Kilometern (hier maximal 100km/h, aber oft langsamer, da gefährlich) zum Städtchen Franz Josef, das am Franz Josef Gletscher liegt. Mein erster Gletscher.

Ich übertreibe kein bisschen, wenn ich sage, dass mein erster Gletscher mich doch so beeindruckt hat, dass mir fast die Tränen kamen. Ich meine – mein erster Gletscher, mein erster Gletscher!!!


Den sehen wir aber erst morgen, ist ja schon fast dunkel, also mal schnell rumspaziert, bevor man gar nix mehr sieht.


Weil der Abend noch jung ist und wir naiv sind, gehen wir in den tiefen, gefährlichen, dunklen Wald, um Glühwürmchen zu sehen, die gar keine sind, sondern Fliegen und ihre Larven. Diese kleinen Insekten kacken für Licht.

Zieht euch das mal rein.


Aber sie kacken nicht nur für Licht [je nach Art wegen Lust auf Fliegensex oder Hunger oder Warnung für den Feind], sondern auch für die Tourismusbranche, denn zahlreiche Touris bezahlen viel Geld für Führungen in glow worm caves, in denen sie dann fluoreszierende Exkremente bestaunen können, begleitet von oohs und aahs und „how beautiful“ und „that is amazing“.


Wir stehen also ne Weile im Wald, unsere Augen gewöhnen sich an die Dunkelheit und wir sehen die kleinen leuchtgrünblauen Pünktchen, sehr schwach [haben wohl grad keine „Lust" oder keinen Hunger oder ihre Jäger sind ihnen egal], aber immerhin, die sind ja auch klein, und die brauchen ja auch bestimmt viel Kraft, so ein Verdauungsgenerator frisst bestimmt, habe aber gelesen, dass er immerhin fast 100% energieeffizient ist, d.h. nahezu die gesamte zugeführte Energie wird in Licht umgewandelt. Sie bauen nen kleinen Faden, an den sie dann kleine klebrige Bällchen hängen, in denen sich dann ein lebensmüdes oder einfach nur ignorantes Opfer verfängt. Ann sagt: „Did you know it’s their poo?“

Ich, frech und schamlos wie ich bin, mache ein Foto mit Blitz von dem Akt. Man sieht keine Würmchen, aber den Rest.


Nun ja, jedenfalls verbringen wir inspiriert dann einen langen Abend mit Wein und Winterjacke auf unserer eigenen Terrasse (sehr gutes und günstiges Motel), hier im zivilisatorischen Fast-Nirgendwo sieht man Unmengen von Sternen, und die Mondphasen sind auch verkehrt. Wieder Faszination pur.

Nächster Morgen, lecker Frühstück und dann zum Franzl, endlich Gletschertag!




Nein, ganz so warm war es nicht, Ann trägt immer Shorts.





Der Gletscher bewegt sich permanent und formt und schiebt und macht. Die Natur hier liebt sich innig, sogar die Bäume wollen in die Steine.











Wir müssen weiter, sonst wird der Blog-Eintrag zu lang.

















(Poochie ist uns in Hokitika hinterhergelaufen)



Und da…..






Daaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa…..







Sehe ich meinen ersten KIWI!
























Bald darauf Stopp in Ross, natürlich Goldgräberstadt, mit wenigen Menschen aber auch Ziegen…




Und Gefängnis, logisch, ist wohl immer eine der ersten Institutionen in ner Goldgräbersiedlung gewesen.


Wir haben Zeit genug, ein bisschen Gold zu schürfen…



Und zum Ball zu gehen…



Dann nähert sich der Sonntag seinem Ende, mist, wir müssen morgen arbeiten, also mal schnell zurück nach Dunedin via Christchurch durch den Arthur’s Pass (Berge), den wir aber nicht sehen, denn als wir da hinkommen, ist es schon duster.

Bilanz Mini-Break

  1. Reisezeit: 2 Tage
  2. Gefahrene Kilometer: so 1180 km
  3. Körperbefindung während Wachsein: etwa 70% im Auto, fahrend, 30% außerhalb desselben.

Egaaaal. War geniaaaal.



--------------------
Da ich ja aber nun in Christchurch bin und noch nicht einmal verkündet hab, wie genau ich da hingekommen bin und wie die Busfahrt war, werde ich schnell sagen, dass der Bus, in dem ich schöne 6 Stunden meines Lebens verbracht habe, in Oamaru gehalten hat und ich in der Pause ein Paar Bilder von Gebäuden geschossen hab.



Oamaru ist berühmt für die vielen weißen Häuser, die mit dem berühmten Oamaru-Stein (Kalk) gebaut worden sind, der überraschenderweise hier in der Nähe abgebaut wurde. Das mal nur als kleines Schmankerl für Euch virtuellen Touristen. Grins.



Nun ist Christchurch ja viel flacher als Dunedin, ich denke nur ungern an den Muskelkater zurück, den ich anfangs vom schieren Laufen in die Stadt und zurück bekam. Die Tatsache der Flachheit Christchurchs (fortan Chch) wurde von Dunedinites, z.B. meiner Gastfamilie, als Manko abgetan, da langweilig und außerdem gefährlich für Orientierungslose.


Pah! Ich habe jetzt ein Fahrrad und ich benutze es! Täglich! Und das Leben ist viel schöner, denn in einer großen Stadt laufen ist wenig erquickend, v.a. wenn man jeden Tag denselben Weg geht. „Nur Genießer fahren Fahrrad und sind immer schneller da!“


Chch hat außerdem:
  • einen großen Park quasi in der Stadtmitte (Hagley Park)
  • einen kleinen Park in der Stadtmitte (Victoria Park)
  • einen Fluss, der durch die Stadt fließt (Avon River)
  • einen großen (Markt-)Platz in der Stadtmitte mit viel Beinfreiheit und ohne Autos
  • das Arts Centre mit dem samstägigen Food Court (my home, my heart) und vielen speziellen Marktständen und Live-Musik (und Stefan aus Thüringen, der Bratwurst mit Sauerkraut und wunderbarem Dialekt verkauft und sich über Kaffee freut)
  • einen Strand am Stadtrand (man bemerke bitte den Reim), z.B. in New Brighton
  • einen Mann, der Bilder auf den Sand malt
  • Marta und Zeus und momentan sogar Carles
  • Ro, meine Mitbewohnerin
  • Ein wunderschönes Mahnmal für die Kriegsopfer
  • Schönes Wetter
  • Rangi Ruru Girls’ School, meine Schule, die an Prestige von kaum einer in diesem Land übertroffen wird
  • 2 wunderbare Deutschlehrerinnen, mit denen ich zusammenarbeite
  • eine Cafébesitzerin, die verrückt genug ist, mich in ihrem Etablissement Gitarre spielen zu lassen und die mir auch noch Geld dafür gibt und für mich kocht
  • eine selbstständige Conny, die jetzt ohne Gastfamilie lebt und deshalb endlich selber für sich einkaufen gehen kann und sich nicht nach externen Zeiten richtet und es unglaublich genießt, sie kann gar nicht sagen, WIE SEHR
Illustration:






Ja, hier wollte ich schon immer sein. Aber das hatte ich nicht gewusst.

Die herrliche Wohnung, die Ro mit mir teilt, übertrifft meine Erwartungen und Ansprüche, aber ich hab sie trotzdem genommen, lach.


Auf der Terrasse hört man die Amseln zwitschern und das Bächlein rauschen, das durch das grüne Grundstück fließt, die Enten kommen oft zu Besuch, denn Ros Kinder füttern sie so gerne und sie mögen den Rand vom Toast eh nicht, also Entenfutter.








Viel Glas, viel Licht und Wärme (aber Kälte, wenn keine Sonne), viele Bäume, die man umarmen möchte, viel Humor, viel gemeinsame Wellenlänge, viel gute Musik, viel schlechte, die so schlecht ist, dass sie schon wieder gut ist, viele interessante und nette Leute, wenig Zeit für Internet, viele Fritten, Filme, Fish’n Chips, Füße hoch, Faffee, Fotwein, Feißwein und Fier, gemütliches Bett, gemütliches kleines Zimmer, 2 Gitarren.




Und 4 Wochen lang warmer Sonnenschein. Frühling mitten im Winter. Jetzt nieselt’s, aber gar nich schlimm.


Elsa kam zu Besuch, eine glückliche Reunion dreier Fremdsprachenassistentinnenfreunde und des Manns einer von ihnen (und deren spanischer Freund):




Außerdem: ich habe gekocht. Es gab mein Lieblingsessen, wurde auch Zeit.


Bratwurscht mit Erbern-Brei und Sauerkraut. War wie in der Mensa, nur ohne zuviel Salz und mit der richtigen Menge übriger Gewürze (kleiner Scherz, ich vergöttere die Mensa und Köchinnen wie Roswitha). Und zum Nachtisch gab es Schokopudding von Dr. Oetker und HARIBO Phantasia, kulinarisch und gesellschaftlich gesehen also ein voller Erfolg, der Abend.


Ich schließe mit Werbung für meinen nächsten Gig, der erste hat mir soo gefetzt, das will ich gleich noch mal machen. Sobald die Blasen und blutergusshaften Gebilde an den Fingerspitzen meiner linken Hand verheilt sind und die kleinen Nerven dort sich erholt haben.